Seelenschönheit: seelische Vorzüglichkeit und Idealkönnen

Was ist das ethisch-philosophische Maximalpotential des Menschen? Meiner Meinung nach schlägt Platon hier eine spirituelle Ethik des Glanzes sowie des Heilsamen vor. Leider gibt es hier in der Regel ein Übersetzungsproblem, welches vergessen lässt, dass es bei Platon auch um ein gleichwohl philosophisches Heilsdrama gehen kann. Dem Verständnis der Seele geht es um eine Verhaltenszone des seelischen Idealkönnens, dem idealen Können der Seele, einschließlich der seelischen Selbstfürsorge. Es ist ein Konzept, das Anspruch auf einen Spitzenrang und Dominanz über andere Konzept stellt, so wie die konkurrierende Konzepte wie Vornehmheit oder Vortrefflichkeit. Die Idee der aristokratischen Vorzüglichkeit oder Vortrefflichkeit muss auf die Seele bezogen sein, nicht auf physische Überlegenheit etwa in einem einem Kampf um Anerkennung, wie es Hegel und Kojéve vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, der Umwälzungen der napoleonischen Kriege und später gar Stalins Armeen rekonstruieren. Seele sollte nicht zuerst mit Konflikt und Ringen um Überlegenheit und Unterlegenheit assoziiert werden, mit dem Kampf des Selbstbewusstseins gegen ein anderes Selbstbewusstsein, wie es die Letztgenannten imaginieren. Sie stehen denkerisch dafür, wie Herrschaft und Politik verunreinigend wirken.

Auch die Lehre von der Erbsünde im Mittelalter bezeugt das tiefe Wissen darum, dass die Seele hinter ihren Möglichkeiten zurück bleibt und schicksalshaft durch eine bestimmte geerbte oder erworbene Persönlichkeitsstruktur, Charakterstruktur oder Persönlichkeitsakzentuierung gemindert und eingeschränkt wird, wie man es im 20. Jahrhundert nennt. Die etablierte Psychologie beschäftigt sich jedoch meistens eher mit Pathologien, mit der Erforschung und Vertiefung des Wissens über Krankheit, nicht mit Wissensgewinn über Maximalmöglichkeiten und hohem Können oder gar Meisterschaft. Auch der Begriff der Persönlichkeit – früher im hohen Ton gebraucht – hat heute kein Erlösungspotential und Wohlklang oder ausstrahlendes Charisma mehr, welches einen anzieht. Insofern hat Seelenschönheit etwas mit Befreiung von Sünde und Überwindung von Heilslosigkeit im Leben zu tun.

Ein seelisches Idealkönnen bedeutet nach antikem Verständnis nichts anderes als Tugend. Die christliche Kritik von Augustinus am klassischen römischen Tugendverständnis als Reduktion auf Machtpolitik und selbstsüchtigen Patriotismus muss hier entschieden weitergedacht werden. Sie führt Staatskunst auf Dämonik zurück. Problematisch ist beispielsweise die gleichwohl einflussreiche Verkürzung der Kritik von Augustinus an der problematischen altrömischen Dämonologik durch Dolf Sternberger in seinem Weltbewältigungsversuch des Faschismus, Augustinus sei bloß eine Eschatologik, die das Fruchtbare von Augustinus Kritik auf ein religiös-kirchliches Weltbild reduziert und der damit die innere spirituelle Einheit von Platon und Christentum entgeht.

Platon sucht das Heilsame und Förderliche. Und zwar das, welches mit Schönheit in Verbindung steht. Das Wesen des Schönen und des Ästhetischen weist auf das Wesen des Lichts, des Leuchtens und des Einleuchtenden selbst hin. Eudämonie meint dann auch den von selbst erscheinenden Lichteinfall. Der gute Dämon ist ein Schutzgeist mit Aufgaben für das Kollektiv und konvergiert mit den Aufgaben eines Hirten. Goethe verstand es nicht, Platon zu verstehen und löste seine Rätsel nicht. Es besteht eine natürlich-spirituelle innerlich-glänzende Ordnung des Guten, die kosmisch unterlegt ist. Darauf zielt die platonische Vorstellung einer Teilhabe. Die breit angelegte Konzeption einer integrativen Ethik, wie sie übergreifend vorbildlich Hans Krämer formuliert und ausgearbeitet hat, muss zu Rekonstruktion und Restauration des altgriechisch-antiken Ansatzes noch deutlich spirituell erweitert werden. Rechthandeln und Guthandeln im Rahmen von moralischer Ethik und Sozialethik müssen auf die Seele und ihre Förderlichkeit rückbezogen werden. Das Aufscheinen des Guten konvergiert mit dem Schönen, wobei die Schönheit eher spirituell und nicht leiblich oder im Sinne von Attraktivität zu verstehen ist, sondern eben als eine spezifische seelische Ausgezeichnetheit.

Was meint Eudämonia nun eigentlich? Sie bezieht sich weniger auf Glück im Sinne von innerlich nicht zusammenhängen isolierten Momenten, sondern auf einen Seinszustand, auf ein „Glücken der Dinge zu Exzellenz in Verbindung von Einklang mit Ethik“, der Aufgaben, vor diese man gestellt ist, z.B. auch in seiner Berufsrolle oder in der Familie. Darin verwirklicht sich die „Bestheit der Existenz“. Es geht um ein Glücken und Gelingen des gesamten Lebens und seiner enthaltenen Aufgaben. „Bestheit der Existenz“ ist eine alternative philosophische Übersetzungsmöglichkeit von Tugend. Sie meint eben nicht nur Tauglichkeit oder Tucht. Tugend steht in Verbindung mit der in der Antike populären Frage nach dem besten Lebens.

Das Denken der alten Griechen war eingebettet in eine innere vorgegebene Zielordnung der Dinge, die eine Teleologie hatte. In diesem Sinne ließe sich unter Platons Ideenlehre z.B. auch auf Gene als Informationsträger verstehen, die ein ursprüngliches Bild in alles Leben hineinlegen. Das würde etwas näher bei Christoph Quarch liegen, der in seinem Buch „Platon und die Folgen“ Platons Weltbild als eines der Lebendigkeit darlegt.

Goethes Begriffe: „Sorgenbrecher“ und „Versöhungsmittel“

Der Wortschatz von Goethe trägt zu umfassender Inspiration bei. So rühmte er den Wein als „Sorgenbrecher“ und ersann Worte wie „Versöhnungsmittel“. Zwar trug Goethe leichthin den Kirchen auf, für die Liebe zwischen den Menschen zu sorgen, aber er scheint dennoch auch die persönliche Initiative mit seinen Künsten in dieser Sache ergriffen zu haben.  So sagte man ihm auch nach, die „Nase eines Frankfurter Weinhändlers“ gehabt zu haben. „Goethe und der Wein“ ist ein in der Literatur bearbeitetes Thema. Eine erste Einführung bietet der gleichnamige Band in der Insel-Bücher. Messen lassen muss sich Goethe allerdings an Jesu Einsetzung des Abendmahls.

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