„Gemütsveränderungen“

Ein weiter Begriff der traditionellen Psychiatrie, aber vor allem der deutschen Philosophie zwischen 1750 und 1800, den auch Kant benutzte, lautet Gemüt und entsprechend die Gemütsveränderungen für negative Zustände oder übermäßig positive Abweichungen. Üblich ist heute in der Medizin eher das Wort Stimmungsschwankungen, was aber mehr auf eine oberflächliche emotionale Labilität zielt. Das Gemüt war in jener Phase der deutschen Philosophie das Wort, welches Seele und Geist gleichermaßen ersetzte.

Verwandet mit Gemüt ist das Wort „Gemütlichkeit“, das etwas spezifisch Deutsches hat, aber auch in Dänemark bekannt ist und benachbart vielleicht zum neuerdings seit einiger Ziet beliebten Konzept Wohn- und Stilkonzept „Hygge“ ist. Doch Gemütlichkeit ist eine äußere Einrichtung; das Wort Gemüt zielt auf die innere Wohneinrichtung in der Seele. Gemütlichkeit ist heute in Deutschland eher altdeutsch konnotiert und mit dunklen Holzfassaden assoziiert. Ganz anders dagegen steht die skandinavische Helle in Wohneinrichtungen, die auch in dunklen Jahreszeiten das Gemüt erfreut.

Das führt dazu, dass die Seele – und zwar nicht zu ihrem Vorteil – in das Schwärmerische der Dichtung abzuwandern begann. Dafür steht vielleicht vor allem Hölderlin. Kundig von der Seele ist Hölderlin, sein Gefährte Hegel weniger. Hegel interessiert sich mehr für Wissen und Weltgeist, kennt die Weltseele, doch weniger für die individuelle Seele und ihre Fürsorge, Pflege und Führung. Und natürlich die Dichter der Romantiker besetzen das Reich der Seele – oft dunkel. Ausgeglichene und sanfte Stimmungen findet man nicht auf Anhieb bei ihnen. Für über 100 Jahre werden sich Kunst und Dichtung in immer wildere Extreme steigern, über Hugo von Hoffmannsthals Krisenbewusstsein bis hin zum düsternen Expressionismus und zu Benn, so dass wieder Sehnsucht nach der Milde und Ausgeglichenheit der alten Klassik als zeitlosem Ideal wachsen wird. Kunst wird Ausdruck und Zeugnis von Bruch und Abbruch mit der Tradition.

Der Nachteil eines rein medizinischen Fachvokabulars besteht auch darin, dass sofort Behandlungen gefunden und angepriesen werden müssen. Das trifft jedenfalls für kommerzielle Internetseiten mit medizinischen Infos und Fachinformationen vor. Der Arzt oder Heilberufangehörige muss sich als ein Behandler verstehen, weniger als zuhörender Seelenfreund, der sich langsam in Schritten der Sache annähert.

Wer im Süden wohnt, wo die Sonne am Mittelmeer selbst das Licht verbreitet und spiegelt, kann das Dunkle und Düstere, welches Nordlichter regelmäßig umtreibt und wogegen sie mühevoll anarbeiten müssen, sicherlich gar nicht verstehen.

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