„Frauenschönheit“

Primat der innere Werte in der Sozialisation mindert Schönheitssinn
Zeit für Komplimente: Das Wort Schönheit ist kaum denkbar ohne an die Schönheit von Frauen zu denken. Das mag Ausdruck einer männerzentrierten Sichtweise sein. Seltsamerweise wird diese Form von Schönheit im westlich-protestantischen Raum selten noch direkt angesprochen. Das kann an der Erziehung primär zu inneren Werten liegen, wie eine frei Journalistin mit Migrationshintergrund bemerkte: In Deutschland werde nicht zum Stolz auf den Körper erzogen. Der schöne Leib ist bestenfalls noch Sphäre einer altgeprägten oder sogar antiken Aristokratie, deren Hofideale längst untergegangen sind, vielleicht homoerotisch noch im Dichterbund um den George-Kreis übertrieben gepflegt und kultiviert.

Wohlgeratenheit, Wohlerzogenheit und bürgerliche Wohlberatenheit
Außerdem ist das gängig anzutreffende kulturelle Ideal heute nicht Schönheit, schon gar nicht mehr angeborene Schönheit als Gnade der Natur, sondern Attraktivität immer Sinne von einer Wertigkeit und teilweise schnell sichtbare Sexyness. Doch das sind grundverschiedene Dinge. Verwandet mit der Schönheit ist das Wort „Wohlgeratenheit“, weil es auf Abstammung und Geburt verweist, aber Erziehung einschließt, obwohl diese eigens unter „Wohlerzogenheit“ gefasst wird. Bei einem Kompliment gibt es eine Idealzone, ob es auf die Schönheit oder auf die Attraktivität bezogen ist. Je nachdem wird die Grenze zur Anmache mit verringerter sozialer Angenehmheit im Umgang miteinander überschritten. Andererseits mag auch der soziale Takt zu einem leichten und kleinen Kompliment aus reiner Höflichkeit verpflichten; manche Charaktere erziehen sich konsequent überhobene Komplimente als Umgangsstil regelrecht an, um etwas zu erreichen und zu manipulieren, nerven damit im Grunde und schaden einer Freundschaft mit überdrehte Getue. Der Grad an sozialer und kultureller Wohlberatenheit wiederum schränkt die Möglichkeiten der Frauen untereinander eng ein, wie sie sozial gut beraten überhaupt auftreten dürfen, um bei Männern Eindruck zu schinden, wo sie die Grenze der Tugend verlaufen lassen. Es gibt eine Differenz zwischen der eigenen Wohlfühlzone des Individuums und der sozial und kulturell mit Mißbilligung, Klatsch und Achtungsverminderung gezogenen und mit Sanktionen unterlegten Wohlfühlgrenze.

Idealnase
Fundstelle für das Wort „Frauenschönheit“ war ein Text des spanischen Philosophen Ortega y Gasset. Er verfasste gedankenreiche Konvolute und Zusammenstellungen mit Bemerkungen über die Liebe, in denen sich auch – in Übersetzung – der Begriff einer „Idealnase“ anfindet. Offenbar wird mit mediterran gestimmten Kulturräumen vieles anders wahrgenommen als in den Nordkulturräumen. Gassets Konvolute, die wie leichte Essays erzählend daherkommend, sind doch Beobachtungen aus der Distanz, die bilanzierend und summierend anmuten, gleichwohl ist es Ausdruck der inneren sozialen Festigkeit der längst untergegangenen Kultur des alten großbürgerlichen Spaniens. Er legt eine gewisse Kühle in seinen zusammengetragenen Beobachtungen an den Tag. Wie er selbst zu Frauen stand und wie seine privaten Lebensverhältnisse waren, ist mir biographisch nicht bekannt.

Von Ortega y Gasset sind neben seinem bekanntesten Werk, dem kulturkritischen Buch „Aufstand der Massen“ erhältlich: Die Textzusammenstellung „Triumph des Augenblicks – Glanz der Dauer“, sein Buch „Die Liebe“ sowie seine gesammelten Schriften bei der Deutsche Verlagsanstalt sowie günstig als Taschenbuchlizenzausgabe im Bechtermünz Verlag.

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